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BayVGH – Vereinbarkeit des Paintball-Spiels mit der Menschenwürde

Fundstelle:

Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Urteil vom 27. November 2012 – 15 BV 09.2719 = BayVBl 2013, 435 

 

Themen:

  • Art. 1 I GG
  • Menschenwürde
  • Paintball
  • Laserdrome
  • Tötungsspiele

 

Leitsatz:

Zur Frage der Vereinbarkeit des Paintball-Spiels, das nach bestimmten Vorgaben (u.a. Beachtung eines Regelwerks) in einer Halle ausgeübt wird, mit der Menschenwürde i.S.v. Art. 1 Abs. 1 GG.

 

Sachverhalt:

Die Klägerin beabsichtigt, Produktionsflächen eines gewerblich genutzten Gebäudes als Sporthalle für Funsportarten umzunutzen. Das 570 m² große Spielfeld soll u. a. dem Paintball-Spiel dienen. Beim Paintball-Spiel treten zwei Mannschaften gegeneinander an, die mit sog. Farbmarkierern (Druckgaswaffen, die Gelatine-Farbkugeln verschießen) und einer Schutzkleidung ausgerüstet sind. Ziel des Spiels ist bei den hier maßgebenden Paintball-Varianten „central flag“ bzw. „capture the flag“ die Eroberung einer neutralen bzw. der gegnerischen Flagge. Zum Erreichen dieses Ziels und um die gegnerische Mannschaft daran zu hindern, ihr Ziel zu erreichen, werden die gegnerischen Spieler mit Hilfe der Farbmarkierer gekennzeichnet, d. h. es wird mit Farbkugeln auf den Körper des gegnerischen Spielers geschossen. Getroffene Spieler scheiden aus dem Spielgeschehen aus. Für das Erobern der Fahne und für jeden getroffenen Gegenspieler werden Punkte vergeben.

Die Beklagte genehmigte die Nutzung zum Paintball-Spiel nicht.

Das Verwaltungsgericht Augsburg genehmigte die Nutzung zum Paintball-Spiel unter folgenden Auflagen:

„Das Paintballspiel wird nur im Tagzeitraum d. h. bis max. 22.00 Uhr erlaubt

Die Ausübung des Paintballspiels ist nur Erwachsenen erlaubt, die zudem die Mitgliedschaft der Klägerin besitzen und damit dessen Regelwerk anerkennen.

Die Paintballspielfläche darf während der Ausübung des Paintballspiels für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sein.

Die Paintballspielfläche darf von außen nicht einsehbar sein.

Beim Paintballspiel darf nur die Vereinskleidung der Klägerin, d. h. kein Tarnanzug oder kriegsähnliche Uniformierung etc. getragen werden und es dürfen keine Farbkugeln Verwendung finden, die rote Farbe enthalten.

Gespielt werden darf nur entsprechend dem offiziellen Paintballregelwerk des deutschen Paintballverbandes in der offiziellen Fassung, d. h. Spielziel ist die Eroberung der neutralen Flagge bzw. das Auslösen der Hupe im Spielfeld des Gegners.“

 

Gründe:

[...]

a) Unter den vom Verwaltungsgericht festgelegten Auflagen widerspricht das Vorhaben nicht der bauordnungsrechtlichen Regelung des Art. 3 Abs. 1 BayBO 2008.

aa) Nach Art. 3 Abs. 1 Satz 1 BayBO 2008 sind Anlagen so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und instand zu halten, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung nicht gefährdet werden. Dies gilt entsprechend für die Änderung der Nutzung von Anlagen (Art. 3 Abs. 3 BayBO 2008). Unter die öffentliche Sicherheit in diesem Sinn fällt u. a. der Schutz der (objektiven) Rechtsordnung (Jäde a. a. O. RdNr. 6 ff. zu Art. 3), also grds. auch der Schutz der Menschenwürde i. S. v. Art. 1 Abs. 1 GG (Aubel, Das Menschenwürde-Argument im Polizei- und Ordnungsrecht, Die Verwaltung, 2004, 229).

bb) Nach Art. 1 Abs. 1 GG ist die Würde des Menschen unantastbar (Satz 1). Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt (Satz 2). Die Unantastbarkeitsformel in Satz 1 garantiert die Achtung der Menschenwürde auch gegenüber Dritten; die Schutzpflicht des Staates in Satz 2 begründet die Verpflichtung der staatlichen Gewalt, auch Vorkehrungen gegen Würdeverletzungen durch Private zu treffen (Herdegen in Maunz/Dürig, Kommentar zum Grundgesetz, RdNr. 74, 78 zu Art. 1 Abs. 1; vgl. auch BVerfG vom 19.12.1951 Az. 1 BvR 220/51 BVerfGE 1, 97-108, “Schutz gegen Angriffe auf die Menschenwürde durch andere“). Damit korrespondiert das aus dem materiellen Baurecht folgende Verbot, ein Vorhaben zuzulassen, dessen Nutzung auf die Verletzung der Menschwürde zielt.

(1) An einer allgemeingültigen positiven Umschreibung des Menschwürdebegriffs fehlt es (Aubel a. a. O. S. 242). Das Bundsverfassungsgericht sieht in der Menschenwürde ein tragendes Konstitutionsprinzip im System der Grundrechte, mit dem der soziale Wert- und Achtungsanspruch des Menschen verbunden ist, der es verbietet, den Menschen zum bloßen Objekt des Staates zu machen oder ihn einer Behandlung auszusetzen, die seine Subjektqualität prinzipiell in Frage stellt (sog. Objektformel, z. B. BVerfG vom 20.10.1992 Az. 1 BvR 698/89 BVerfGE 87, 209 m. w. N.). Menschenwürde in diesem Sinn ist nicht nur die individuelle Würde der jeweiligen Person, sondern die Würde des Menschen als Gattungswesen (BVerfG ebd.).

Es lässt sich jedoch nicht generell sagen, unter welchen Umständen die Menschenwürde verletzt sein kann, sondern immer nur in Ansehung des konkreten Falls. Allgemeine Formeln wie die, der Mensch dürfe nicht zum bloßen Objekt der Staatsgewalt herabgewürdigt werden, können lediglich die Richtung andeuten, in der Fälle der Verletzung der Menschenwürde gefunden werden können. Der Mensch ist nicht selten bloßes Objekt nicht nur der Verhältnisse und der gesellschaftlichen Entwicklung, sondern auch des Rechts, insofern er ohne Rücksicht auf seine Interessen sich fügen muss. Eine Verletzung der Menschenwürde kann darin allein nicht gefunden werden. Hinzukommen muss, dass er einer Behandlung ausgesetzt wird, die seine Subjektqualität prinzipiell in Frage stellt, oder dass in der Behandlung im konkreten Fall eine willkürliche Missachtung der Würde des Menschen liegt. Die Behandlung des Menschen durch die öffentliche Hand, die das Gesetz vollzieht, muss also, wenn sie die Menschenwürde berühren soll, Ausdruck der Verachtung des Wertes, der dem Menschen kraft seines Personseins zukommt, also in diesem Sinne eine "verächtliche Behandlung" sein (BVerfG vom 15.12.1970 Az. 2 BvF 1/69 BVerfGE 30, 1). Soweit diese Erwägungen auf Private übertragen werden können, kommt eine Verletzung der Menschenwürde durch diese in Betracht, wenn ihr Handeln die Subjektqualität des Menschen prinzipiell in Frage stellt und dieses Tun Ausdruck der Verachtung des Wertes des Menschen ist, der ihm Kraft seines Personseins zukommt.

(2) Von Vorstehendem ausgehend, erweist sich die Nutzung der Halle zum Paintball-Spiel unter den festgelegten Auflagen nicht als Verstoß gegen die Menschenwürde.

(a) Eine zu missbilligende Missachtung der individuellen Würde bzw. eine entwürdigende Behandlung der (gegnerischen) Mitspieler kommt beim Paintball-Spiel nicht zum Ausdruck, weil sich die Spieler beim Wettkampf chancengleich gegenüberstehen und der Gegenspieler nicht gleichsam zur bloßen Zielscheibe herabgewürdigt wird (vgl. auch BVerwG vom 13.12.2006 Az. 6 C 17/06 Buchholz 402.41 Allgemeines Polizeirecht Nr. 82). Das Paintball-Spiel verletzt deshalb die Menschenwürde nicht, soweit es konkret die Spieler betrifft. Davon abgesehen begeben sich die - auflagengemäß erwachsenen - Akteure des Paintball-Spiels freiwillig und eigenverantwortlich in das ihnen bekannte Spielszenario. Was sich aber als Akt autonomer Selbstdefinition erweist, kann den Einzelnen jedenfalls dann nicht in seiner Menschenwürde verletzen, wenn keine Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die betreffende Person aus psychischen oder physischen Gründen unfrei ist (etwa bei extremen Auswüchsen privatautonomer Entscheidungen, wie die Zustimmung zu erheblichen Eingriffen in die körperliche Integrität oder bei außerordentlichen Selbsterniedrigungen, Aubel a. a. O. S. 243 f.). Anhaltspunkte dafür, dass Paintball-Spieler als Einzelne oder als Gruppe in eine für sie erniedrigende Behandlung einwilligen, bestehen nicht. Aus dem Gutachten der Kriminologischen Zentralstelle vom 31. Dezember 2010 ergibt sich hinsichtlich des Paintball-Spiels folgende Bewertung, wenn es in dafür bereitgestellten Hallen und unter Verzicht auf Militärnähe gespielt wird: „Die Teilnehmer lassen sich auf eine als Spiel definierte Situation ein, die in der Regel zeitlich begrenzt ist und klaren Regeln unterliegt, über deren Einhaltung zusätzlich ein Schiedsrichter wacht. Es wird - wie bei Fußball, Völkerball oder Baseball - in Teams gegeneinander gespielt. Diese Definition und Ausgestaltung als Spiel setzt zunächst einen Rahmen, innerhalb dessen bestimmte kognitive Bewertungsbereitschaften abgerufen werden. Das senkt die Gefahr von Missverständnissen, dass also beispielsweise Handlungen eines Akteurs der gegnerischen Mannschaft als persönlicher Angriff wahrgenommen werden“ (S. 137 f.). Kritisch wird allerdings die Präsenz von Schusswaffen gesehen (ebd.).

(b) Offen bleiben kann, ob Art. 1 Abs. 1 GG den Schutz der Würde des Menschen als Gattungswesen umfasst (kritisch Herdegen a. a. O. RdNr. 32 zu Art. 1 Abs. 1; Aubel a. a. O. S. 245 ff.; Dreier, Grundgesetz Kommentar, 2. Auflage 2004, RdNr. 116 ff. zu Art. 1 Abs. 1) und ob der Schutz der Menschenwürde als Abstraktum weiter gehen kann, als die Garantie der individuellen Menschenwürde (Aubel a. a. O. S. 250 f.). Denn unter Beachtung der festgelegten Auflagen erweist sich das Paintball-Spiel auch nicht als Angriff auf die Würde des Menschen als Gattungswesen.

Nach der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts vom 13. Dezember 2006 (a. a. O.) ist ein gewerbliches Unterhaltungsspiel, das auf die Identifikation der Spielteilnehmer mit der Gewaltausübung gegen Menschen angelegt ist und ihnen die lustvolle Teilnahme an derartigen - wenn auch nur fiktiven - Handlungen ermöglichen soll, wegen der ihm innewohnenden Tendenz zur Bejahung oder zumindest Bagatellisierung der Gewalt und wegen der möglichen Auswirkungen einer solchen Tendenz auf die allgemeinen Wertvorstellungen und das Verhalten in der Gesellschaft mit der verfassungsrechtlichen Menschenwürdegarantie unvereinbar. Davon ausgehend gibt es unter Zugrundelegung der Erkenntnisse aus dem Gutachten der Kriminologischen Zentralstelle und bei Beachtung der festgelegten Auflagen, insbesondere bei Einhaltung des „Offiziellen Paintball-Regelwerks“, keine tragfähigen Anhaltspunkte dafür, dass das hier zu bewertende Paintball-Spiel die Würde des Menschen als Gattungswesen verletzt.

Beim regelkonformen Paintball-Spiel geht es schon nicht um die Identifikation des einzelnen Spielteilnehmers mit der Gewaltausübung gegen Menschen oder gar um einen „im Spiel erlebten Macht- und Lustgewinn durch solche Handlungen“. Eine solche Annahme würde den mehrschichtigen, komplexen Spielablauf des Paintball-Spiels auf das Schießen verengen und damit die Orientierung des Gros der Spieler an Fairness, Sportlichkeit und Teamgeist ausblenden (Gutachten der Kriminologischen Zentralstelle, S. 6). Ziel des Paintball-Spiels in den Spielvarianten „capture the flag“ und „centerflag“ ist es, die gegnerische oder die neutrale Flagge zu erobern und die gegnerischen Spieler, die dasselbe Ziel verfolgen, hieran zu hindern. Zum Erreichen dieses Ziels werden zwar Farbmarkierungspistolen eingesetzt, mit denen auf die Gegenspieler geschossen wird. Anhaltspunkte für eine Gewaltaffinität der Spieler, also für eine Identifikation der Spieler mit der Gewaltausübung gegen Menschen, bestehen nach Darlegung des Gutachtens der Kriminologischen Zentralstelle aber nicht (vgl. S 6, S. 31 f., 140 f.).

Soweit die Verletzung der Menschenwürde mit dem „Vergnügen an simulierten Tötungshandlungen“ und den sich daraus ergebenden („möglichen“) Auswirkungen auf die allgemeinen Wertvorstellungen und das Verhalten in der Gesellschaft begründet werden kann, kann den Paintball-Spielern des A... ein derartiges Vergnügen weder unterstellt werden (nach den Feststellungen der Kriminologischen Zentralstelle ließen sich insbesondere innerhalb der deutschen Turnier-Paintball-Szene keinerlei Assoziationen zu militärischen Inhalten oder Hinweise auf Gewaltaffinität finden, S. 6 des Gutachtens) noch legt das in den Auflagen bezeichneten Regelwerk des hier in Frage stehenden Paintball-Spiels eine solche Tendenz nahe. Nach dem in Bezug genommenen Regelwerk („Offizielles Paintball-Regelwerk, Stand 01.2002“) findet eine „Markierung“ dann statt, wenn ein von einem aktiven Spieler abgeschossener im Flug befindlicher, intakter Paintball einen Spieler berührt und dann an diesem Farbreste - egal welcher Größe - hinterlässt (direkte Markierung) oder ein bereits an einem anderen Gegenstand zerplatzter Paintball einen Spieler färbt, so dass ein zusammenhängender Bereich von ca. 2 cm erreicht wird (indirekter Treffer; Nr. 16 Abs. 3 und 4 des Regelwerks). Treffer im Brust oder Kopfbereich, die bei Feuerwaffen tödlich wären, sind nicht vorausgesetzt und werden auch nicht mit einer höheren Punktezahl gewertet; Markierungen zählen auf dem gesamten Körper des Spielers, dem Markierer, den Ausrüstungsgegenständen und, beim Flaggenträger, auch auf der Flagge (Nr. 1 Abs. 9 des Regelwerks). Ein so (direkt oder indirekt) getroffener Spieler ist verpflichtet, sich sofort selbst aus dem Spiel zu nehmen (Nr. 16 Abs. 5 des Regelwerks). Auch hierin unterscheidet sich das Paintball-Spiel von einer lustvoll simulierten Tötungshandlung, die durch den unspektakulären Weggang des Getroffenen vom Spielfeld ihres Effekts beraubt würde. Schließlich wird das regelgerechte Paintball-Spiel von Schiedsrichtern („Marshalls“) geleitet, die die Einhaltung der Spielregeln überwachen und unsportliches Verhalten bestrafen (u. a. sinnloses oder dauerhaftes Markieren eines eindeutig als markiert, disqualifiziert oder aufgebend erkennbaren Spielers, Nr. 21.9 des Regelwerks). Tarnkleidung oder kriegsähnliche Uniformierungen, die geeignet sein können, den sportlichen Gedanken des Spiels in den Hintergrund zu drängen, sind verboten. Dass das Paintball-Spiel diesen und weiteren Regeln unterworfen ist und sich nicht auf ein bloßes willkürliches Abschießen des Gegners beschränkt, lässt sich auch für Außenstehende erkennen.

Es bestehen auch keine Anhaltspunkte für die Annahme, das regelkonforme Paintball-Spiel wecke die Vorstellung von der Verfügbarkeit des Menschen als bloßem Objekt, in dessen Leben und körperliche Integrität nach Belieben eingegriffen werden könne (vgl. BVerwG vom 13.12.2006 a. a. O.). Nach den Darlegungen der Kriminologischen Zentralstelle erscheint die Realitätsnähe bei der - hier maßgeblichen - Indoorvariante noch am geringsten. Im Gegensatz zu Computerspielen sei beim Spielen von Paintball eine zeitliche Grenze gesetzt, die eine regelmäßige Rückkehr in eine gewisse „Normalität“ erzwinge und einem Verlust des Realitätssinns entgegenwirke. Auch die Faktoren „Teamspiel“ und „Schiedsrichter“ stünden einem Realitätsverlust entgegen (S. 139 des Gutachtens). Die Untersuchung von Linda Steinmetz („Gutachterliche Stellungnahme zur Gewaltaffinität der Mitglieder/innen der deutschen Paintball-/Gotcha-Szene“, 2000) kommt zu der Einschätzung, dass sich für die deutsche Paintball-Szene bisher keinerlei Befürchtungen hinsichtlich realer Gewalt oder Verrohung bestätigen ließen. Eine These, wonach für das Spiel typische Verhaltensmuster kriegerischen Charakters oder tötungsähnlichen Verhaltens oder auch harmlosere Formen von Gewalt im Alltag ihren Niederschlag finden würden, könne aktuell nicht verifiziert werden (zitiert nach dem Gutachten der Kriminologischen Zentralstelle, S. 140 f.). In Bezug auf die Taten jugendlicher Amokläufer sei bei keinem der Täter eine Beschäftigung mit Paintball bekannt geworden (S. 7).

Der Vortrag der Beklagten, Farbmarkierungsmunition werde auch bei der Fortbildung im „Polizeilichen Einsatzverhalten“ verwendet und dort als wirkungsvoll, realitätsnah und erlebnisecht bewertet, führt zu keiner anderen Bewertung des Paintball-Spiels. Es liegt auf der Hand, dass nachgestellte Einsatzszenarien im polizeilichen Training bei den Teilnehmern Belastungsreaktionen nach sich ziehen können. Den teilnehmenden Polizeibeamten ist bewusst, dass die nachgestellte lebensbedrohliche Situation im Ernstfall eintreten kann und es wird bei den Übungsteilnehmern die z. T. überraschende Erkenntnis ausgelöst, dass sie keineswegs unverwundbar sind (vgl. Anmerkungen des Zentralen Psychologischen Dienstes der Bayerischen Polizei zum Einsatz von FX-Munition im Rahmen polizeilicher Trainingsmaßnahmen“ vom 9.3.1998). Eine derartige Realitätsnähe weist das regelkonforme Paintball-Spiel nicht auf.

Es darf allerdings nicht verkannt werden, dass auch der spielerische oder sportliche Wettkampf mit Waffen die Menschenwürde verletzende Züge aufweisen kann. Gleichwohl darf der spielerische oder sportliche Kampf, der sich des Einsatzes von Waffen bedient, nicht unter Heranziehung der Objektformel dem Generalverdacht einer Menschenwürdeverletzung ausgesetzt werden, von dem er sich entlasten müsse. Ob ein die Menschenwürde verletzendes „Spiel“ angenommen werden muss, ist vielmehr eine Frage des Einzelfalls. Dabei kommt es für die Bewertung des Paintball-Spiels nicht allein darauf an, ob es von einem außen stehenden Dritten nach seinen Moralvorstellungen als ggf. menschenverachtend beurteilt wird. Es ist vielmehr zunächst nach der Evidenz der angenommenen Würdeverletzung (Herdegen, a. a. O., RdNr. 44 zu Art. 1 Abs. 1) zu fragen. Zutreffend führt deshalb das Verwaltungsgericht aus, die Menschenwürdegarantie dürfe nicht als staatliches Mittel zum Verbot jeglicher Art vermeintlicher oder tatsächlicher Geschmacklosigkeiten missbraucht werden. Werden im Handeln Privater schlechthin unerträgliche Auswirkungen auf die allgemeinen Wertvorstellungen und das Verhalten in der Gesellschaft gesehen, so muss sich ein solches Urteil zudem auf tatsächliche Erkenntnisse stützen lassen (Aubel, a. a. O., S 251). Insoweit ist auf der Grundlage neuerer Erkenntnisse aus dem Gutachten der Kriminologischen Zentralstelle eine andere Bewertung des Gefährdungspotentials durch das Paintball-Spiel gerechtfertigt als im Fall der „Laserdrome-Entscheidung“ des Bundesverwaltungsgerichts (vom 13.12.2006 a. a. O.). Das Bundesverwaltungsgericht konnte auf derartige Untersuchungen nicht zurückgreifen und war an die tatsächlichen Feststellungen durch die Vorinstanz gebunden. Schließlich richtet sich die Bewertung des Paintball-Spiels als ggf. die Menschenwürde verletzend auch nach den Vorstellungen der am Spiel beteiligten Personen selbst, insbesondere danach, ob und wie sie ihr Spielverständnis nach außen darstellen. Es darf daher nicht unberücksichtigt bleiben, dass die organisierte Paintball-Szene seit Jahren darum bemüht ist, sich normkonform zu verhalten und zu präsentieren (S. 6 des Gutachtens). Daran gemessen spricht beim regelgerechten Paintball-Spiel Überwiegendes dafür, dass die Einschätzung, „Paintball-Spieler spielen Gewalt und Kampf, dies aber nicht anders als das Indianerspiel von Kindern oder Ritterspielen bei Burgfesten, wo Gewalt nicht wirklich ausgeübt wird“, im Ergebnis zutreffen dürfte (vgl. Bezugnahme des Gutachtens auf die Untersuchung von Linda Steinmetz, S. 140). Ob das Paintball-Spiel als moralisch verwerflich eingestuft werden kann, ist ohne Relevanz. Denn allein moralische Bewertungen vermögen einen verfassungsrechtlichen Verstoß gegen Art. 1 Abs. 1 GG nicht zu begründen (Aubel, a. a. O., S. 252).

b) Soweit die Beklagte einwendet, sie sei dem Friedensgedanken in besonderer Weise verbunden, die Kirchen und die „Friedensräume Lindau“ lehnten die Zulassung einer Sportart ab, bei der es darum gehe, auf Menschen zu schießen, beruft sie sich zwar auf in Teilen der Bevölkerung verbreitete sozial-ethische Vorstellungen, die aber, wie dargelegt, für sich nicht zur Ablehnung des Bauantrags wegen einer Verletzung der Menschenwürde durch das Paintball-Spiel führen können.

c) Das Vorhaben ist bauplanungsrechtlich nach der Art seiner Nutzung im unstreitig vorliegenden faktischen Gewerbegebiet als Anlage für sportliche Zwecke zulässig (§ 34 Abs. 2 BauGB i. V. m. § 8 Abs. 2 Nr. 4 BauNVO).

[...]

 

Zusammenfassung:

  1. Es lässt sich jedoch nicht generell sagen, unter welchen Umständen die Menschenwürde verletzt sein kann, sondern immer nur in Ansehung des konkreten Falls.
  2. Die Behandlung des Menschen durch die öffentliche Hand, die das Gesetz vollzieht, muss, wenn sie die Menschenwürde berühren soll, Ausdruck der Verachtung des Wertes, der dem Menschen kraft seines Personseins zukommt, also in diesem Sinne eine "verächtliche Behandlung" sein.
  3. Eine Verletzung der Menschenwürde durch Private kommt in Betracht, wenn ihr Handeln die Subjektqualität des Menschen prinzipiell in Frage stellt und dieses Tun Ausdruck der Verachtung des Wertes des Menschen ist, der ihm Kraft seines Personseins zukommt.
  4. Die Menschenwürdegarantie darf nicht als staatliches Mittel zum Verbot jeglicher Art vermeintlicher oder tatsächlicher Geschmacklosigkeiten missbraucht werden.

 

Rechtsprechungshinweise:

BVerfGE 30 , 1 (Abhörurteil).

BVerfGE 87, 209 (Horrorfilm „Tanz der Teufel“).

BVerwGE 115, 189 (Laserdrome).

 

Literaturhinweise:

Szczekalla, Peter: Laserdrome goes Luxenburg, JA 2002, 992.

Aubel, Tobias: Das menschenunwürdige Laserdrome, JURA 2004, 255.

Scheidler, Alfred: Verstoßen Tötungsspiele gegen die Menschenwürde?, JURA 2009, 575.